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Startups vs COVID-19: Gespräch mit den Headstart-Gewinnern der COVID-19 Ausschreibung

Im Rahmen des Headstart-Programms für COVID-19-Lösungen vergab EIT Health Germany vier Zuschüsse an Climedo Health, RAMPmedical, Intrepida und ScintHealth für die Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen, die Europa bei der Eindämmung, und Bewältigung der COVID-19 Pandemie unterstützen werden.

In diesem Jahr erweiterte EIT Health das Headstart-Programm, um den unmittelbaren Bedarf an Lösungen zur Bekämpfung von COVID-19 zu decken. EIT Health Germany vergab mit Freude an vier Digital Health Startups die Förderung in Höhe von 50.000 Euro, diese vier waren Climedo Health, RAMPmedical, Intrepida und ScintHealth. Die Zuschüsse werden für die Entwicklung von Lösungen verwendet, die die alltäglichen Auswirkungen von COVID-19 mildern können, und die Startups erhalten Zugang zu Mentoring und Geschäftsberatung, um ihr Projekt in den nächsten sechs Monaten abzuschließen.

Wir haben uns dazu entschlossen, ein kurzes Interview mit den Gewinner-Teams zu führen und nicht nur ihre Lösungen näher zu beleuchten, sondern auch die Auswirkungen des Coronavirus auf die Startup-Szene sowie die Rolle, die neu gegründete Unternehmen im Gesundheitswesen bei der Gestaltung der Gesundheitssysteme nach der Krise spielen können. Viel Spaß beim Interview.

1. Wie hat euer Startup auf die globale COVID-Pandemie und die Umstände der Gesundheitskrise reagiert?

Climedo Health: Wir haben sofort darüber nachgedacht, wie wir während der Krise unterstützen können. Als digitales Startup im Gesundheitswesen hatten wir das Gefühl, dass wir über die notwendigen Werkzeuge verfügen, um bestimmte Aspekte des Gesundheitssektors, die bisher überwiegend analog abgedeckt wurden, zu verbessern und zu digitalisieren. Deshalb haben wir beschlossen, unsere Plattform zur Erfassung klinischer Daten bestimmten COVID-19-bezogenen Projekten, die gemeinnützig oder nichtstaatlich sind, kostenfrei anzubieten.

Intrepida: Ursprünglich haben wir Ancora.ai entwickelt, um Onkologie-Patienten bei der Suche nach klinischen Studien zu unterstützen, mit einem Erweiterungsplan, der bald auch alle anderen Krankheiten abdecken soll. Als die Pandemie begann, wurde uns schnell klar, dass Ancora.ai helfen könnte. Gegenwärtig müssen für COVID-19-Studien mehr als 800.000 Patienten rekrutiert werden. So verbrachten wir den März 2020 damit, einen COVID-19-spezifischen Algorithmus zu entwerfen, einen maßgeschneiderten Patientenfragebogen zu entwickeln und das Produkt innerhalb weniger Wochen auf den Markt zu bringen.

RAMPmedical: Wir arbeiten an einem Hilfsmittel zur Unterstützung der Therapieentscheidung für COVID-19. Wir verfügen bereits über eine Version für die antibakterielle Behandlung von ambulant eingefangener Lungenentzündung, einer der größten Komplikationen des Coronavirus. Wir sind dabei, unsere derzeitige Software zur Unterstützung der Therapieentscheidung an die Pandemie anzupassen: Das bedeutet, dass Ärzte, wenn ein Patient andere Krankheiten hat, diese und gleichzeitig COVID-19 behandeln können, wobei alle möglichen Komorbiditäten des Patienten berücksichtigt werden. Wir arbeiten auch an der Unterstützung aller möglichen Komplikationen und zukünftigen Behandlungen von COVID-19.

ScintHealth: Motiviert durch den Anstieg der COVID-19-Fälle im Februar hat ScintHealth eine neue Forschungs- und Entwicklungslinie gestartet, die innerhalb eines Monats Ultraviolett-C für die sichere und schnelle Inaktivierung des SARS-CoV-2-Virus sowohl auf Oberflächen als auch als Aerosol in der Luft schwebend produziert und testet. Angesichts der positiven Ergebnisse dieser Tests mit SARS-CoV-2, die in der Abteilung Virologie des Klinikums rechts der Isar durchgeführt wurden, entwickelten wir das Konzept der „Selbstdesinfektionsräume“ und bauten einen Prototyp eines ersten Systems. Diese schnelle Entwicklung war zum Teil nur möglich, weil wir überall offene Türen vorfanden… bei der Organisation von UV-Lampen, der Beschaffung von Prototypen zum Testen, bei dem Einstieg in die Entwicklung neuer Dinge etc.

2. Was wäre der größte Nutzen eurer Lösung für das Gesundheitssystem und die Gesellschaft?

Climedo Health: Herkömmliche Patiententagebücher und der damit verbundene Informationsaustausch sind stark auf manuelle Arbeit angewiesen, die für Patienten und Forscher zeitaufwändig und fehleranfällig ist. Um eine gute Gesundheitsfürsorge für alle Patienten verfügbar zu machen, müssen wir schnellere, digitalisierte Lösungen implementieren und begründete Gesundheitsentscheidungen auf der Grundlage von Daten aus der realen Welt treffen. Die Plattform sowie die eDiaires von Climedo sind webbasiert, so dass Menschen überall auf der Welt mit jedem Gerät darauf zugreifen können. Wir eliminieren die Notwendigkeit, zu einem klinischen Ort zu reisen, und sorgen so für Social Distancing. Unsere Lösung ist digital, so dass kein Druck- oder Versandpapier benötigt wird, was wiederum die Umweltbelastung mindert. Die Gesellschaft als Ganzes profitiert auch davon, da die Patienten einen schnelleren Zugang zu eDiaries und potenziellen Therapien erhalten, was die Gesundheitssysteme effektiver macht.

Intrepida: Bereits vor der Pandemie war die Rekrutierung für klinische Studien ein enormes Hindernis, und jeder Tag, an dem wir dazu beitragen können, den Fortschritt klinischer Studien zu beschleunigen, bedeutet die Rettung von Leben. Unser Gründungsteam ist der Meinung, dass jeder Zugang zu klinischen Studien haben sollte. Die Patienten werden davon profitieren, wenn sie so früh wie möglich und kostenfrei innovative Behandlungen erhalten, doch derzeit gibt es bei der Suche nach Studien viele Hindernisse. Ancora.ai demokratisiert Studien, indem es diese Hindernisse beseitigt. Durch die Diversifizierung der klinischen Forschung werden neue Medikamente für alle sicherer.

RAMPmedical: Eine falsche Medikation ist nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation ein weit verbreitetes Problem und verursacht weltweit Kosten in Höhe von 42 Milliarden Dollar pro Jahr. Unser Ziel ist es, Ärzte zu befähigen, für jeden Patienten die beste verfügbare Therapie zu finden. Wir haben unsere Lösung an über 100 Patientenfällen getestet, die von internationalen Ärzten mit und ohne unsere Software gelöst wurden. Das Ergebnis war, dass Ärzte, die unsere Software verwendeten, signifikant bessere Therapieentscheidungen trafen als die anderen (89% optimale Therapieentscheidungen gegenüber 29% für Ärzte, die unsere Software nicht verwendeten). Dies bedeutet, dass unsere Lösung den Ärzten hilft, die beste Entscheidung für ihre Patienten zu treffen und gleichzeitig mögliche Kontraindikationen und gefährliche Behandlungen zu vermeiden.

ScinetHealth: Ultraviolettes C hat sich in der Vergangenheit als wirksame Methode zur Desinfektion von Oberflächen und Luft gegen verschiedene Viren, aber auch gegen Bakterien und Pilze erwiesen, die im Krankenhaus erworbene Krankheiten, insbesondere multiresistente Bakterien, verursachen. Wenn wir experimentell zeigen, dass SARS-CoV-2 auch mit UVC inaktiviert werden kann, ist die Basis für eine Ausweitung des Einsatzes dieser Technologie gegeben. Bei ScintHealth haben wir die Absicht, dies einen weiteren Schritt nach vorne zu bringen, indem wir Pionierarbeit mit Systemen leisten, die „selbstdesinfizierende Räume“ ermöglichen. Diese Technologie wollen wir zunächst in Krankenhäusern einführen, in denen COVID-19 und ähnliche Krankheiten am weitesten verbreitet sind, aber wir können uns vorstellen, sie auch in anderen Bereichen einzusetzen, wie z.B. in öffentlichen Toiletten, Umkleideräumen, Krankenwägen, öffentlichen Verkehrsmitteln usw. Auf diese Weise können wir die Ausbreitung ansteckender Krankheiten über die aktuelle Krise hinaus und damit deren langfristig starken Einfluss auf die Gesellschaft vermeiden.

3. Was steht angesichts des kurzen Einsatzzeitraums der Headstart-Förderung für euer Startup an und wann können wir mit ersten Ergebnissen rechnen?

Climedo Health: Glücklicherweise haben wir bereits im März damit begonnen, für unser Angebot für COVID-19-Projekte zu werben und stehen bereits mit mehreren Startups, Forschungsgruppen und Gesundheitsbehörden in Kontakt. Dennoch wird dies eine intensive Zeit für unser Team sein. Unser erster Meilenstein ist die vollständige Anpassung und Erweiterung unserer technischen Infrastruktur, um den Bedürfnissen von potenziell Hunderttausenden von neuen Benutzern gerecht zu werden. Wir müssen auch die regulatorischen und rechtlichen Aspekte überprüfen und Anpassungen vornehmen, um eine reibungslose Implementierung und Skalierung unserer Lösung im Hinblick auf die regulatorischen Rahmenbedingungen zu gewährleisten. Der Schwerpunkt wird darauf liegen, uns frühzeitig mit allen Interessengruppen abzustimmen und eine Koalition zur Unterstützung des COVID-19-Projekts zu bilden. Die Headstart- Förderung sowie das Mentoring- und Coaching-Netzwerk von EIT Health geben uns einen zusätzlichen Schub, um die Dinge schneller und mit fachkundiger Beratung voranzubringen. Wir hoffen, bis zum Spätsommer erste interessante Ergebnisse zu erzielen.

Intrepida: Die Pandemie war ein großer Belastungstest für unsere Skalierbarkeit, und wir konnten COVID-19 innerhalb von zwei Wochen auf Ancora.ai starten. Wir werden die gleiche Energie im Rahmen des Headstart-Programms einbringen, und wir haben unseren ersten Meilenstein für Ende September 2020 gesetzt, wenn wir hoffentlich eine zusätzliche geografische Abdeckung in Europa erzielen konnten.

RAMPmedical: Im Juli werden wir die erste COVID-19 Version unseres Produktes herausbringen. Im Rahmen der Headstart-Förderung werden wir unsere App bis Ende des Jahres allen Beschäftigten in Gesundheitsberufen kostenlos zur Verfügung stellen.

ScintHealth: Unser erster Prototyp ist bereits verfügbar und wird in unseren Labors am Klinikum rechts der Isar getestet und verfeinert. Wir gehen davon aus, dass er bereits im September in mehreren Räumen des Krankenhauses zur Installation bereit sein wird. Wenn die Tests wie erwartet verlaufen, werden wir uns bemühen, bis Ende des Jahres eine Reihe von Räumen in mehreren Münchner Krankenhäusern zu installieren und weiterhin weltweite Installationen für das Jahr 2021 zu planen.

4. Die Digitalisierung des Gesundheitswesens erfährt aktuell ein ganz neues Aufmerksamkeits-Level. Wie wird sich der Sektor eurer Meinung nach entwickeln?

Climedo Health: Wir glauben, dass die COVID-19-Pandemie bereits die Sicht der Menschen auf die Notwendigkeit der Digitalisierung im Gesundheitswesen verändert hat. Viele der digitalen Lösungen, die im Banken- oder Einzelhandelssektor lange Zeit die Norm waren, finden nun endlich auch im Gesundheitswesen immer mehr Verbreitung. Patienten und Dienstleister im Gesundheitswesen werden voraussichtlich immer offener für digitale Lösungen, z.B. einen Arzt per Videoanruf zu konsultieren, anstatt die Praxis zu besuchen, oder eine Online-Umfrage zum Gesundheitszustand zu beantworten, anstatt ein Papierformular auszufüllen. Nichtsdestotrotz muss die Datensicherheit für alle Beteiligten weiterhin oberste Priorität haben, damit Patienten das Gefühl haben, dass sie Gesundheitsdienstleistern ihre sensiblen Daten anvertrauen können.

Intrepida: Die Pandemie hat diesen ohnehin schon starken Trend definitiv beschleunigt, und im Falle der klinischen Studien hoffen wir, dass dies eine gute Nachricht ist. Mit Ancora.ai stellen wir den Patienten die digitalen Werkzeuge zur Verfügung, mit denen sie auf die Informationen zu klinischen Studien selbst, schnell und von überall zugreifen können, anstatt sich auf die erste Beratung durch Experten verlassen zu müssen. Je mehr wir jeden Einzelnen in die Lage versetzen können, Gesundheitsinformationen zu verstehen und zugänglich zu machen, desto besser!

RAMPmedical: Ich denke, dass die Krise dazu beigetragen hat, das Bewusstsein für die Notwendigkeit der Digitalisierung im Gesundheitssektor einen großen Schritt nach vorne zu bringen. In der Realität gibt es immer noch große Herausforderungen in Bezug auf die Umsetzung und die Verbreitung der Idee, insbesondere in abgelegenen Regionen oder dort, wo Krankenhäuser mit finanziellen Problemen zu kämpfen haben. Ich bin jedoch optimistisch, dass die derzeitigen politischen, rechtlichen und subventionellen Maßnahmen dazu beitragen werden, die Vision in die Praxis umzusetzen und dass die Innovation im Gesundheitswesen einen Aufschwung erfahren kann.

Scinthealth: Wir haben am Beispiel unserer Krankenhauspartner gesehen, dass die Coronakrise große Veränderungen bei der Nutzung und dem Austausch digitaler medizinischer Daten vorangetrieben hat. Entwicklungen bei der Formatstandardisierung, der gemeinsamen Nutzung von Daten und der verstärkten Vernetzung von medizinischen Geräten sind zu erwarten. Auch Veränderungen in Richtung Datenaustausch unter Einhaltung des Datenschutzes und des Dateneigentums sind zu erwarten.

5. Zu guter Letzt die Frage: Das Coronavirus hat einen beispiellosen Druck auf das Gesundheitssystem ausgeübt. Welche Rolle können Startups im Gesundheitssystem  spielen, nachdem die Krise überwunden ist?

Climedo Health: Startups sind in der Position, den Status quo zu verändern, indem sie mit etablierten Akteuren und Behörden des Gesundheitswesens zusammenarbeiten. Sie bringen eine neue Perspektive und spezifische Fähigkeiten mit ein, die dazu beitragen können, veraltete Systeme zu verbessern und bestehende Prozesse zu beschleunigen. Unserer Erfahrung nach sind Startups auch sehr agil und damit in der Lage, sich schnell an Veränderungen anzupassen, wie wir während der COVID-19-Pandemie beobachten konnten. Etablierte Unternehmen und Einrichtungen im Gesundheitswesen sollten sich daher die Fähigkeiten zueigen machen, die diese Startups der Branche vermitteln können, und darüber nachdenken, wie man mit ihnen gemeinsam Synergien erzeugen kann, um einige der größeren Herausforderungen zu bewältigen, denen wir im Gesundheitswesen aktuell gegenüberstehen.

Intrepida: Die Pandemie hat uns alle gelehrt, wie schnell sich die Dinge ändern können. Ein Vorteil, den wir als Startup haben, ist unsere Wendigkeit und Schnelligkeit. Wir waren in der Lage, innerhalb von zwei Wochen zu reagieren, um unser Produkt anzupassen und eine COVID-19-Lösung auf den Markt zu bringen, was in traditionelleren Unternehmen wahrscheinlich unmöglich wäre. Wir hatten auch das Glück, mit mehreren Unternehmen wie Almirall über ihren „Digital Garden“ und WeFox und FinLeap über „Gesund Zusammen“ zu arbeiten. Diese Partnerschaften haben uns wirklich gezeigt, dass größere Unternehmen den Wert darin sehen, Startups sowohl zu helfen als auch von ihnen zu lernen, und wir denken, dass diese Ökosysteme, die beide Arten von Akteuren einbeziehen, in Zukunft entscheidend sein werden, um effektiv auf neue Herausforderungen im Gesundheitswesen zu reagieren.

RAMPmedical: Der Vorteil von Startups ist, dass sie schnell mit innovativen Lösungen reagieren können, zuweilen leider krisenanfällig sind, aber auch schnell wieder aufstreben können. Die Krise hat einige der Probleme des Gesundheitssystems aufgedeckt, die jetzt stärker denn je sichtbar sind. Probleme, an deren Lösung Startups schon lange arbeiten. Ich denke, dass diese Unternehmen deshalb jetzt helfen können, diese Probleme schnell zu lösen und wesentlich zu einer schnelleren Stabilisierung der Wirtschaft beizutragen.

Scinthealth: In einem Wirtschaftssystem im Krisenzustand sind viele Aspekte der Gesellschaft in Bezug auf Produkte und Dienstleistungen aktuell im Wandel und werden sich auch noch weiter verändern. Um auf solche Veränderungen zu reagieren, sind Startups in der Regel besser geeignet als größere Unternehmen. Daher denken wir, dass Startups eine vergleichsweise größere Rolle bei der Gestaltung der Wirtschaft nach der Coronazeit spielen. Konkret erwarten wir, dass auf KI basierende Lösungen eine schnellere Umsetzung im klinischen Alltag finden werden. Auch Hygiene und Personalschutz werden an Bedeutung gewinnen, und Technologien, die aus der Notwendigkeit heraus in Werkstätten und kleinen Labors entstanden sind, werden möglicherweise einen prosperierenden Boden für ihr Wachstum finden.