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Weltnierentag: Behandlung bei akutem Nierenversagen weiterentwickeln

Am zweiten Donnerstag des März findet jährlich der Weltnierentag statt. Diese globale Kampagne will das Bewusstsein für Nierengesundheit, Vorsorge, Risiken und das Leben mit Nierenversagen stärken. ADVITOS GmbH, einer der EIT Health Catapult MedTech Finalisten und seither Teilnehmer unseres Catapult-Programms, hat mit seinem ADVOS (Advanced Organ Support)-Verfahren eine revolutionäre neue Technologie zur Behandlung bei Multiorganversagen auf den Markt gebracht. Wir unterhalten uns mit ADVITOS‘ Catherine Schreiber, stellvertretende Geschäftsführerin, über die Bedeutung ihres neuen Verfahrens für das Thema Nierengesundheit und über den künftigen Einsatz ihrer Maschine ADVOS multi.

 

  1. Am 11. März ist Weltnierentag, eine weltweite Kampagne, die einen Scheinwerfer auf das Thema Nierengesundheit richtet. Inwieweit spielt Nierengesundheit für Ihre Arbeit eine Rolle?

Es gibt zwei grundsätzlich unterschiedliche Arten des Nierenversagens: akut und chronisch. Sobald das chronische Nierenversagen unter ca. 20 % der eigentlichen Funktion fällt, muss an eine Transplantation oder die Vorbereitung auf ein Dialyseverfahren gedacht werden. Unser Therapiefokus mit dem ADVOS multi Gerät liegt auf Patienten mit Multiorganversagen auf der Intensivstation. Ein akutes Nierenversagen ist Teil des Multiorganversagens und kann dieses auslösen bzw. deutlich verschlechtern. Darüber, dass die Kombination aus Lungen- und Nierenversagen die Sterblichkeit deutlich erhöht, informierten die Medien auch im Rahmen der COVID-19-Berichterstattung die breite Öffentlichkeit.

Unser ADVOS-Therapiesystem zielt also darauf ab, die Nierenfunktion im akuten Krankheitsfall zu unterstützen und den Patienten durch den Ansatz der Multiorgantherapie (kombinierte Nieren-, Leber- und Lungenunterstützung) so umfänglich zu behandeln, dass weitere Organschäden minimiert und damit sowohl das Überleben erhöht als auch die Wiederherstellung der vollen Nierenfunktion nach Entlassung aus dem Krankenhaus gewährleistet wird.

 

  1. ADVITOS ist ein Scale-Up, dessen Entgiftungsverfahren ADVOS weltweit als erstes Verfahren zur erweiterten und individualisierten Unterstützung der Hauptentgiftungsorgane Leber, Lunge und Niere, sowie des Säure-Basen-Haushalts eingesetzt wird. Können Sie uns ein bisschen mehr zu dem Verfahren erzählen?

Unser Körper muss ununterbrochen entgiftet werden, um gesund zu bleiben. D.h. es werden schädliche Stoffe kontinuierlich über die Entgiftungsorgane aus dem Körper abtransportiert. Wenn nur eines der drei Hauptentgiftungsorgane – Leber, Lunge oder Nieren – versagt, kann es bereits zu Problemen für den Patienten kommen und die Sterblichkeit erhöht sein. Sollten alle drei Organe versagen (Multiorganversagen), liegt die Sterblichkeitsrate bei über 75 %1. Es geht also um Leben und Tod für den Patienten. Bislang musste man jedes Organ mit einer eigenen medizinischen Therapie und dazugehörigem Gerät behandeln. Seit einigen Jahren mehren sich die Stimmen der Mediziner, dass es großen Bedarf für eine kombinierte Multi-Organunterstützung gibt, um den Patienten ganzheitlicher behandeln zu können, und Kosten und Komplexität zu reduzieren.

Wir haben hierfür das ADVOS-Verfahren entwickelt, welches basierend auf einer einzigen Technologie und in einem einzigen Gerät gleichzeitig die Leber, Lunge und Niere unterstützt und ein Blut-pH-Management durch Korrektur des Säure-Basen-Haushalts und CO2-Entfernung bietet. Durch unser weltweit einzigartiges 4-in-1-Verfahren können die Überlebenschancen von Intensivpatienten deutlich verbessert werden. Beobachtungsstudien haben gezeigt, dass unsere Technologie die zu erwartende Überlebensrate der Patienten drastisch verbessert, und zwar von sehr niedrigen 10 % bei schwer kranken Patienten auf bis zu 50 %.

 1 Vincent et al. (1998). Use of the SOFA score to assess the incidence of organ dysfunction/failure in intensive care units: results of a multicentre, prospective study.

 

  1. Wo wird ADVOS bereits eingesetzt?

Das ADVOS-Verfahren wird aktuell in 20 führenden (Universitäts-)Kliniken in Deutschland angewendet. Außerdem sind wir in Gesprächen mit Kliniken in Österreich, um auch dort bald mit der Therapie zu beginnen.

 

  1. Sie haben im November den Innovationspreis Bayern 2020 gewonnen. Welche Bedeutung hat diese Auszeichnung bezüglich der Implementierung Ihrer Technologie im Markt?

Durch den Innovationspreis Bayern ist das Interesse an uns und unserem ADVOS-Verfahren stark angestiegen. Dadurch haben wir eine bessere Sichtbarkeit im Markt erlangt – sowohl bei Klinikpersonal und Entscheidungsträgern als auch bei potenziellen Investoren.

Mediziner sind teilweise recht konservativ bezüglich neuer Verfahren und Technologien. Die Anerkennung durch den Innovationspreis kann uns hier sicherlich ein Stück weit helfen und auch neue Türen öffnen, um unser ADVOS-Verfahren in weiteren Kliniken zu etablieren.

 

  1. Inwieweit ist ADVOS ein Fortschritt zur konventionellen Nierenersatztherapie?

Hier müssen wir unterscheiden zwischen dem Einsatz der Nierenersatztherapie bei chronisch kranken Patienten und bei Patienten mit akutem Nierenversagen. Bei den chronisch kranken führt die Nierenersatztherapie zu einer deutlichen Lebensverlängerung der Patienten, die genauso gut sein kann, wie bei Patienten nach Nierentransplantation. Studien zur Nierenersatztherapie bei kritisch kranken Patienten auf der Intensivstation haben gezeigt, dass die Krankenhaus-Mortalität der entsprechenden Patienten noch immer mindestens über 45 % liegt. Trotz vielfältiger Studien mit dem Ziel diese hohe Sterblichkeit zu reduzieren, konnte in den letzten 30 Jahren keine Verbesserung erzielt werden.

Nierendialysepflichtige Patienten mit akutem Nierenversagen haben alle ein Multiorganversagen. Wie bei Covid-19 Patienten ist dies oft von einem Lungenversagen aber auch von einem Leberversagen begleitet. Dafür ist die ADVOS-Therapie entwickelt worden und hat erste Erfolge bereits in mehreren publizierten Studien nachweisen können. Nahezu alle Patienten in diesen Studien hatten übrigens auch ein dialysepflichtiges akutes Nierenversagen.

 

  1. Der Themenschwerpunkt des Weltnierentags liegt dieses Jahr auf chronischen Nierenerkrankungen. Kann auch diese Patientengruppe von ADVOS profitieren?

Die ADVOS-Therapie ist nicht primär für chronische Nierenpatienten entwickelt worden. Der Einsatz der ADVOS Therapie für das Multiorganversagen bei kritisch erkrankten Patienten kann aber helfen, dass weniger Patienten ein chronisches Nierenversagen als Folge eines akuten Nierenversagens entwickeln. Eine aktuelle Studie zeigt, dass derzeit bis zu 10 -20% der Patienten, die intensivmedizinisch behandelt wurden und ein akutes Nierenversagen hatten, nach Entlassung aus dem Krankenhaus ein chronisch behandlungspflichtiges Nierenversagen entwickelten.

In einigen Jahren ist auch denkbar, dass unsere Therapie auch bei chronisch nierenkranken Patienten eingesetzt wird. Denn die klassische Nierenersatztherapie entfernt nur wasserlösliche Giftstoffe und überschüssige Flüssigkeit. Die Niere entfernt aber neben wasserlöslichen Giftstoffen auch andere Arten von Toxinen: hier stehen die eiweißgebundenen Giftstoffe im Vordergrund. Da die ADVOS-Therapie diese Giftstoffe auch entfernt, ist es in einigen Jahren denkbar, dass auch chronisch Nierenkranke von unserer Therapie profitieren und damit hoffentlich die Lebensqualität und die Lebenserwartung steigt (Chronisch dialysepflichtige Patienten haben derzeit eine im Vergleich zur Normalbevölkerung verkürzte Lebenserwartung).

 

  1. Zuletzt: Was ist Ihre persönliche Nachricht zum Weltnierentag?

Ich glaube, das Wichtigste ist, dass möglichst wenig Patienten eine chronische Dialyse benötigen. Dies kann meines Erachtens nur durch präventive Maßnahmen geschehen oder durch eine Verminderung des Nierenversagens bei akuten Erkrankungen.