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“Weil es auf’s Augenlicht ankommt”: Früherkennung von Augenerkrankungen

Zum Nationalen Tag der Sehbehinderten haben wir Timothé Laforest von EarlySight interviewt.

Der Tag der Sehbehinderten ist ein bundesweiter Aktionstag in Deutschland, der seit 1998 am 6. Juni begangen wird, um auf die Situation und Anliegen von Menschen mit Sehbehinderung aufmerksam zu machen. Die Kampagne wird vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenbund (DBSV) geleitet. Unter dem Motto „Ich sehe so, wie du nicht siehst“ informieren verschiedene Veranstaltungen über medizinische Therapiemöglichkeiten und Hilfsmittel wie Sehhilfen, Selbsthilfegruppen, barrierefreies Arbeiten am Computer, Rehabilitation von Sehstörungen und barrierefreie Gestaltung der Umgebung.

EarlySight SA entwickelt ein innovatives neues Gerät, das es Ärzten ermöglicht, Gewebedegenerationen in einem frühen Stadium des Prozesses zu beobachten und so Patienten mit Augenerkrankungen potenziell viel früher als bisher zu diagnostizieren. Diese Idee hat ihnen zu Recht den EIT Health Headstart Award 2019 eingebracht. Wir sprachen mit dem Gründer und CEO von EarlySight, Timothé Laforest, über die neue Technik und wie sie bei der Behandlung von Augenerkrankungen helfen kann.

 

1. Der Nationale Tag der Sehbehinderten ist eine jährliche Aktion, die auf die Bedürfnisse von Menschen mit Sehbehinderung sowie auf medizinische Therapien und Lösungen aufmerksam macht. Wie geht Ihr Start-up auf die Bedürfnisse sehbehinderter Menschen ein?
Patienten, die an einer Netzhauterkrankung leiden, sehen sich derzeit im Gesundheitssystem mit mehreren Problemen konfrontiert. Erstens sind die Instrumente, mit denen die Ärzte die Netzhaut fotografieren, nicht präzise genug, um eine effiziente Diagnose zu stellen. Die Augenuntersuchung ist langwierig, weil die Ärzte mehrere Geräte verwenden, um aufgrund ihrer subjektiven Erfahrung eine richtige Diagnose durchzuführen. Die letzte technologische Revolution fand vor 20 Jahren mit der Optischen Kohärenztomographie statt, die heute als Goldstandard gilt. Aber seitdem wurde die Hardware nur inkrementell verbessert und Ärzte mühen sich mit ungenauen Bildern ab.
Eine der Folgen dieser ungenauen Abbildung der Netzhaut ist das Fehlen von Behandlungsmöglichkeiten für Netzhauterkrankungen, einfach weil Forscher die Wirksamkeit neuer Medikamente nicht nachweisen können. Daher steht den Patienten manchmal selbst für die am weitesten verbreiteten Netzhauterkrankungen keine Behandlung zur Verfügung.

 

2. Die Lösung von EarlySight ermöglicht es Ärzten, das Gewebe der Netzhaut sehr detailliert zu visualisieren. Können Sie uns mehr über das Gerät und seine Funktionsweise erzählen?
Unser Gerät kombiniert eine unkonventionelle seitliche Beleuchtung des Auges und optische Komponenten, die früher in der Astronomie verwendet wurden, um die Störungen der Atmosphäre zu korrigieren. Wir verwenden diese Komponenten, um die Unvollkommenheiten der Augenlinse zu korrigieren und ein viel detaillierteres Bild bis auf Einzelzellebene zu erhalten.
Unsere Technologie könnte mit einer Biopsie verglichen werden, da wir die Zellstruktur sehen, aber sie ist völlig nicht-invasiv und die Untersuchung dauert nur wenige Sekunden.

 

3. Was genau wird mit der neuen Technik sichtbar?

Mit unserer Technik können wir die Anatomie der Netzhaut und den degenerativen Prozess auf Zellebene sehen. Unser einzigartiger Ansatz ermöglicht es, die Zellen, die eine Schlüsselrolle im Sehzyklus und bei den häufigsten Netzhauterkrankungen wie AMD, Glaukom oder diabetischer Retinopathie spielen, mit hohem Kontrast und Details abzubilden.

 

4. Diese bildgebende Technologie hilft potenziell, Augenerkrankungen in einem viel früheren Stadium zu diagnostizieren. Können Sie uns erklären, wie betroffene Patienten davon profitieren können?
Wir befinden uns derzeit in der Phase der klinischen Demonstration. Diese Phase wird der wissenschaftlichen Gemeinschaft helfen, die Netzhauterkrankungen auf zellulärer Ebene zu verstehen und zur Entwicklung neuer Behandlungsmethoden beizutragen. Unsere Lösung wird demnächst für Patienten auf dem Markt verfügbar sein.

 

5. Im Mai hat EarlySight den ersten Abschluss von CHF 2,3 Millionen unter der Führung von Verve Venture und unter Einbeziehung anderer Investoren wie Nina Capital bekannt gegeben. Wie werden diese Mittel dem Unternehmen beim Markteintritt helfen?
Diese Mittel sollen das Team vergrößern, die Entwicklung beschleunigen und letztendlich den Markteintritt vorbereiten. Wir planen höhere Ingenieure, klinische Betriebsexperten und Geschäftsentwicklungsexperten. Wir haben mit unseren Investoren die gemeinsame Vision, das EarlySight-Produkt den Ärzten zur Verfügung zu stellen, damit es bald den Patienten zugute kommen kann.

 

6. Zum Schluss: Welche persönliche Botschaft möchten Sie unseren Lesern zum Nationalen Tag der Sehbehinderten mitgeben?
Als privilegierter Beobachter der ophthalmologischen Entwicklung glaube ich, dass wir am Beginn eines neuen Zeitalters mit mehr Behandlungsmöglichkeiten für Patienten, besserer Nachsorge und verbesserten Erkennungsinstrumenten stehen.