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Überbrückung der „Disability Divide“-Kluft dank digitaler Technologie – Interview mit Claudiu Leverenz, CEO von Munevo

15% der Weltbevölkerung lebt mit einer Behinderung. Munevo hilft ihnen dabei, das tägliche Leben mit Unabhängigkeit und Würde zu steuern.

Die Vereinten Nationen riefen 1992 erstmals den 3. Dezember als Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen aus.  Seitdem soll jedes Jahr an diesem Tag das Bewusstsein für die Belange von Betroffenen gestärkt werden – dabei geht es um Würde und Rechte, um Inklusion und um Wege, Einschränkungen durch Behinderungen zu verringern. Eine Milliarde Menschen, also rund 15% der Weltbevölkerung leiden unter irgendeiner Form von Behinderung und sind mit verschiedenen Hindernissen in Hinblick auf die soziale und wirtschaftliche Eingliederung konfrontiert, wie zum Beispiel einem unzureichenden Zugang zu physischen Umgebungen und Transportmitteln, Mangel an unterstützender Technologie und Ausrüstung, einem mangelnden Zugang zu öffentlichen und privaten Diensten sowie verschiedene soziale und institutionelle Einstellungen und Diskriminierungen. Glücklicherweise ermöglicht die Technologie, unabhängig und würdevoll auf Informationen zuzugreifen und im täglichen Leben zu navigieren. Munevo steht dabei an vorderster Front.

  1. Der 3. Dezember wird seit 1992 als Internationaler Tag der Menschen mit Behinderungen begangen. Was sind Ihrer Meinung nach die größten Bedürfnisse und Bestrebungen von Menschen mit Behinderungen heute?

Leider gibt es noch viele Bereiche, die verbesserungsbedürftig sind. Accessibility, Zugang zu neuen Technologien, Unabhängigkeit, Mobilität usw. Es mag selbstverständlich klingen, aber wir stellen oft fest, dass Menschen, die wie unsere Nutzer stark eingeschränkt sind, oft als hilflos angesehen werden. Doch der ständige Kontakt zeigt uns genau das Gegenteil. Von vielen bekommen wir Lebensfreude und Antrieb zu spüren. Und wir sind sehr dankbar, dass wir sie unterstützen können. Die größten Herausforderungen bestehen darin, diese Vorurteile abzubauen, mehr Akzeptanz zu schaffen und diese Menschen zu integrieren. Und beim Thema Barrierefreiheit sind wir oft überrascht, dass selbst die modernsten Gebäude nicht barrierefrei sind, das sollte unserer Meinung nach normal sein.

2. Menschen mit Behinderungen stoßen auf Barrieren aller Art. Die Technologie trägt jedoch dazu bei, viele dieser Hindernisse abzubauen. Munevo ist ein Paradebeispiel dafür, wie intelligente Technologien das Leben beeinträchtigter Menschen verändern können. Erzählen Sie uns mehr über Ihre Arbeit.

Mit munevo DRIVE haben wir eine Lösung geschaffen, die Menschen mit stark eingeschränkter Mobilität hilft, unabhängiger zu werden. Wir haben die erste Rollstuhlsteuerung auf Basis von Smartglasses (smarte Datenbrille) entwickelt. Was unterscheidet unsere Lösung von anderen? Zusätzlich zu den sehr einfachen und intuitiven Steuerungen haben wir eine Plattformlösung entwickelt, die nicht nur elegant, unauffällig und hygienisch ist, sondern auch mit vielen anderen Geräten verbunden werden kann. Auf diese Weise erleichtern wir die Kommunikation mit Freunden und Familie. Mit unserer Brille können Sie beispielsweise auch Fotos aufnehmen und teilen oder telefonieren.

3. Wie war die Resonanz bisher?

Bisher war das Feedback sehr positiv. Es war uns aber auch sehr wichtig, Rollstuhlfahrer von Anfang an in die Entwicklung des Produkts einzubeziehen. Nur so konnten wir munevo DRIVE so gestalten, dass es genau den Anforderungen und Bedürfnissen unserer Benutzer entspricht. In regelmäßigen Gesprächen mit unseren Anwendern erfahren wir auch immer mehr über die täglichen Herausforderungen und wie wir mit unserer Lösung den Alltag noch besser unterstützen können.

4. Wo sehen Sie innovative Rollstuhlsteuerungen in den nächsten 5 bis 10 Jahren auf dem Markt für assistive Technologien positioniert?

Unser Ziel ist es, durch den Einsatz intelligenter Technologien möglichst vielen Menschen zu helfen. Wir sehen munevo DRIVE als eine einzigartige Plattformlösung und wollen diese Position auf dem Markt halten. Diese State-of-the-Art-Lösung sollte nach Möglichkeit konventionelle Systeme ersetzen. Wir verstehen uns als Partner aller Stakeholder (Sanitätshäuser, Krankenhäuser und Krankenkassen), um die Nutzererfahrung so gut wie möglich zu gestalten. Große Ziele sind natürlich auch die globale Expansion mit der großen Herausforderung, unser Produkt für den US-Markt zuzulassen.

5. 2020 war ein arbeitsreiches Jahr für Munevo. Sie haben eine Crowdfunding-Kampagne auf Aescuvest gestartet und das Munevo PHONE auf den Markt gebracht. Was kommt als nächstes für Munevo?

Wir wollen das Bewusstsein von munevo DRIVE stärken und in weitere europäische Länder expandieren. Unsere Entwickler arbeiten auch an vielen anderen neuen Funktionen und Add-Ons. Sowohl auf der Hardware- als auch auf der Softwareseite können Sie sich bald auf etwas Neues freuen. Vielleicht gibt es bald Neuigkeiten neben munevo DRIVE.

6. Haben Sie zum Anlass des heutigen Tages eine Botschaft, die Sie uns mitteilen möchten?

Die größte Motivation für unser Team ist zu sehen, wie wir das tägliche Leben unserer Nutzer verändern können. Viele Dinge, die für jeden von uns selbstverständlich sind, werden leider oft übersehen, zum Beispiel die Nutzung des Smartphones oder der Zugang zu neuen Technologien im Allgemeinen. Deshalb arbeiten wir jeden Tag hart daran, unserer Vision zu folgen: „Wir möchten Menschen mit Behinderungen dabei unterstützen, mithilfe intelligenter Technologie unabhängig zu leben.“

7. Das Thema zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen 2020 lautet „Hin zu einer behindertengerechten, zugänglichen und nachhaltigen Welt nach COVID-19“. Wie können wir, Ihrer Meinung nach, Behinderungen in Hinblick auf eine technische Antwort auf COVID-19 einbeziehen?

Dies ist ein interessantes Thema, da die Krise uns alle getroffen und unser Leben dramatisch verändert hat. Auch wir arbeiten zunehmend in einer virtuellen Umgebung. Anfang des Jahres, während des ersten Lockdowns in Deutschland, haben wir Rollstuhlfahrer aus unserem Netzwerk gefragt, wie sie mit der Situation umgehen. Unter dem „#AbstandVerbindet“ haben wir unterschiedliche Antworten erhalten. Grundsätzlich wurde auch begrüßt, dass das Home Office jetzt von viel mehr Menschen genutzt wird, was beeinträchtigten Menschen die Teilnahme an der Arbeit erheblich erleichtert. Der technische Fortschritt in Richtung Digitalisierung bietet auch Menschen mit Behinderungen große Chancen. Wir sehen jedoch auch das Risiko, dass Social Distancing dazu führen kann, dass eine Gruppe, die bereits oft übersehen wird, noch mehr übersehen wird. Deshalb müssen, wie am Anfang des Interviews erwähnt, Hindernisse beseitigt und diese Menschen stärker integriert werden. Wir geben jeden Tag unser Bestes und möchten unsere Nutzer auf diesem Weg unterstützen.