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Erster digitaler klinischer Endpunkt anerkannt

Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) hat grünes Licht für einen völlig neuen digitalen klinischen Endpunkt gegeben, den Roche mitentwickelt hat. Die Studie soll nun bei Jungen mit Duchenne-Muskeldystrophie eingesetzt werden, um ihr Gehverhalten realistisch zu messen.

Die Duchenne-Muskeldystrophie (DMD) ist eine verheerende neuromuskuläre Erkrankung, die vor allem Jungen betrifft. Sie führt zu fortschreitender Muskelschwäche und bindet oft schon in jungen Jahren junge Patienten an den Rollstuhl. Die Lebenserwartung liegt im Durchschnitt bei 20 bis 30 Jahren. Die Behandlungsmöglichkeiten für DMD sind sehr begrenzt. Daher besteht ein großer Bedarf an transformativen Therapien. Roche startet derzeit eine Zulassungsstudie für das Prüfpräparat Anti-Myostatin-Adnectin oder RG6206. Derzeit werden Jungen im Alter von 6 bis 11 Jahren rekrutiert, die noch alleine gehen können. Vielversprechende Daten aus Tierversuchen und frühen Humanstudien deuten darauf hin, dass die Hemmung der Myostatinproduktion bei Kindern zu Muskelwachstum und -stärkung führen wird. Oberstes Ziel der Behandlung ist es, die Lauffähigkeit der betroffenen Kinder positiv zu beeinflussen und so ein weniger abhängiges Leben zu führen.

Tests sind nicht mehr auf dem neuesten Stand

Seit über hundert Jahren werden in Studien an Kindern mit DMD zwei Haupttests eingesetzt: der 6-minütige Gehtest (6MWT) und der 4-minütige Treppensteigtest (4SCT). Mangels besserer Tests akzeptierten die Zulassungsbehörden die episodischen klinischen Outcome-Messungen als klinische Endpunkte. Diese Tests bewerteten die Wirkung von Prüfpräparaten auf die grobmotorischen Parameter von DMD, wie z.B. Gehen und Treppensteigen. Aufgrund der inhärenten Schwächen sind Zulassungsbehörden wie Ärzte, die klinische Studien durchführen, zunehmend skeptisch gegenüber diesen Endpunkten.
Ein großes Problem bei diesen Tests ist, dass sie nur eine Momentaufnahme darstellen. Diese Tests spiegeln nicht die natürliche Bewegungsfähigkeit des Jungen wider. Die Regulierungsbehörden sind sich dieser Probleme bewusst und begrüßen neue Endpunkte, die sowohl bestehende Tests ergänzen als auch objektivere Parameter des Gehverhaltens erfassen, die anfälliger für Veränderungen sind.

Mark Lee, Global Head Personalised Healthcare (PHC), Product Development, Roche Pharmaceuticals

 

„Digitale Biomarker und klinische Endpunkte können das Verständnis und die Behandlung menschlicher Krankheiten grundlegend verändern, indem sie Messungen mit einer Genauigkeit ermöglichen, die wir bisher einfach nicht erreicht haben. Damit diese digitalen Ansätze erfolgreich sind, muss sich jedoch das gesamte Gesundheitssystem weiterentwickeln. Bei Roche tragen wir dazu mit Methoden wie der digitalen Schrittgeschwindigkeitsmessung bei.“

Detailliertes Wissen über die tatsächlichen Fähigkeiten

ActiMyo, entwickelt von der französischen Firma Sysnav, ist ein Medizinprodukt, das an den Knöcheln getragen wird und das Laufverhalten mit höchster Präzision misst und dokumentiert. Der tragbare Aktivitätssensor erfasst und charakterisiert Parameter der Gehfähigkeit und die Gehgeschwindigkeit über einen längeren Zeitraum in der realen Umgebung des täglichen Lebens. Mit Hilfe eines Algorithmus, der eine sinnvolle Interpretation der gesammelten Daten ermöglicht, kann der Sensor das Gehverhalten bei von DMD betroffenen Jungen charakterisieren und individuelle Veränderungen des Gangbildes unabhängig von der Motivation mit hoher Genauigkeit darstellen. Dies ist ein sehr persönlicher Ansatz.

ActiMyo misst zuverlässig Schritttempo und Bewegungsmuster über die Zeit und wird im Phase-III-Programm von Roche eingesetzt, das Anti-Myostatin bei DMD untersucht. Dieser spezifische Endpunkt wurde der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) zur Anerkennung als sekundärer Endpunkt in Zulassungsstudien vorgelegt.

Dies ist der erste, von Roche mitentwickelte digitale Endpunkt, der von einer Regulierungsbehörde als für eine regulatorische Entscheidung in Frage kommend, erklärt wurde. Die Sensitivität des Endpunkts ist so hoch, dass es wahrscheinlich ist, dass in Zukunft deutlich weniger Patienten rekrutiert werden müssen, um die erwarteten Ergebnisse aus Zulassungsstudien zu erzielen. Darüber hinaus wird die Studiendauer verkürzt, d.h. junge Patienten werden wahrscheinlich kürzer auf die Möglichkeit neuer Therapie warten müssen. Die Tatsache, dass die EMA diesen Endpunkt nun akzeptiert hat, könnte die Entwicklung und Zulassung von Medikamenten für neuromuskuläre Erkrankungen revolutionieren.